Sales Tipps für Vertriebsprofis – Sascha Kronberg

Probleme erfragen oder voraussetzen im Cold Call?

Geschrieben von Sascha Kronberg | Jun 2, 2026 2:58:18 PM

Zwei Wege zum Bedarf — welcher bringt dich ans Ziel?

 

Du rufst an. Der Entscheider hat 90 Sekunden. Fragst du vorsichtig nach Problemen — oder setzt du sie mutig voraus? Diese Entscheidung trennt Mittelmaß von Meisterklasse.

 

FAQ::

  • F: Was ist der Unterschied zwischen Probleme erfragen und voraussetzen?
  • A: Beim Erfragen stellst du offene Fragen und lässt den Kunden das Problem selbst benennen. Beim Voraussetzen formulierst du das Problem direkt als Tatsache — konfrontierend, meinungsstark, ohne zu suchen.

  • F: Welche Methode ist besser für die Kaltakquise?
  • A: Das kommt auf Beziehung, Timing und Gesprächsphase an. Beide Methoden haben ihren Platz — du musst wissen, wann du welche einsetzt.

 

 

 

Warum das wichtig ist

 

Wie aus einem Missstand ein Bedarf entsteht

Saschas Buch macht es glasklar: Viele Unternehmen sind sich bestehender Mängel nicht bewusst — oder unterschätzen deren Auswirkungen massiv. Dein Job als Sales Insider ist es, diese Lücke sichtbar zu machen. Der Ist-Zustand ist die aktuelle Situation des Kunden. Der Soll-Zustand ist das, was er erreichen will oder was möglich wäre. Die Lücke dazwischen? Das ist der Bedarf. Und genau diese Lücke musst du aufzeigen — entweder durch Fragen oder durch mutige Voraussetzungen. Wer wartet, bis der Kunde sein Problem selbst erkennt, wartet oft vergeblich.

 

Am besten zeigst du dem Unternehmen diese Lücke auf, indem du ungelöste Missstände identifizierst und konkretisierst. Das bedeutet: Du bringst Dinge ans Licht, die der Kunde vielleicht schon geahnt hat, aber nie in Zahlen oder Konsequenzen gedacht hat. Das ist keine Manipulation — das ist Service. Du hilfst dem Kunden, seine eigene Situation klarer zu sehen.

 

Probleme erfragen — die offene, suchende Variante

Diese Methode funktioniert, wenn du Zeit hast und bereits eine gewisse Beziehung aufgebaut ist. Du fragst offen: "Wie organisieren Sie aktuell Ihre Neukundenakquise?" oder "Wo sehen Sie die größten Wachstumshemmnisse in Ihrem Team?" Der Kunde spricht. Du hörst zu. Du sammelst Informationen, die dir zeigen, wo die echte Lücke liegt.

 

Der Vorteil: Der Kunde benennt das Problem selbst — das erzeugt mehr Verbindlichkeit. Was der Mensch selbst ausspricht, glaubt er auch. Der Nachteil: Es dauert länger und setzt Gesprächsbereitschaft voraus, die im Cold Call oft fehlt. Mehr als drei offene Fragen hintereinander ohne Kontrollfrage zur Bestätigung — das wirkt konstruiert. Das Gespräch wird zum Verhör. Überlege also im Vorfeld, welche Informationen du unabdingbar erfragen musst und was nur "nice to know" ist.

 

Probleme voraussetzen — die konfrontierende, meinungsstarke Variante

Du setzt das Problem als bekannte Tatsache: "Die meisten Vertriebsleiter, mit denen ich spreche, kämpfen damit, dass neue Verkäufer zu lange brauchen, bis sie profitabel werden. Das kenne ich bei Ihnen auch." Kein Suchen. Keine Scheu. Du präsentierst das Problem als gegeben — und fragst erst dann, wie es sich bei ihnen konkret zeigt. Das ist mutig. Das wirkt. Aber es funktioniert nur, wenn du deine Zielgruppe wirklich kennst und dein Statement auf echter Marktkenntnis basiert.

 

Die Voraussetzungsstrategie hat einen entscheidenden psychologischen Vorteil: Sie positioniert dich als jemanden, der die Branche kennt. Du bist nicht der Anrufer, der fragt — du bist der Experte, der beobachtet hat. Das ändert die Machtdynamik im Gespräch fundamental. Der Entscheider hört anders zu, wenn er merkt: Dieser Mensch kennt meine Welt.

 

FAQ::

  • F: Wann ist die Voraussetzungsstrategie riskant?
  • A: Wenn du ein Problem voraussetzt, das beim Kunden gar nicht existiert, verlierst du sofort Glaubwürdigkeit. Voraussetzungen müssen auf echter Branchenkenntnis basieren — nicht auf Vermutungen.

  • F: Kann ich beide Methoden kombinieren?
  • A: Ja. Die Voraussetzung schafft Aufmerksamkeit und Einstieg, die offene Frage danach holt den Kunden in den Dialog. Diese Kombination ist oft die stärkste.

 

 

 

Die Lösung / Das Vorgehen

 

Schritt 1: Zielgruppe analysieren und typische Missstände kennen

Bevor du das Telefon in die Hand nimmst, musst du wissen: Was sind die drei häufigsten ungelösten Probleme in dieser Branche? Was kostet diese Probleme dem Unternehmen — in Geld, Zeit, Nerven? Welche Konsequenzen entstehen, wenn das Problem ignoriert wird? Diese Hausaufgaben machen den Unterschied zwischen einem Amateur-Cold-Call und dem Auftritt eines Sales Insiders.

 

Ohne Branchenkenntnis keine Voraussetzungsstrategie. Punkt. Fange damit an, deine besten zehn Kunden zu analysieren: Welche Probleme hatten sie, bevor sie mit dir gearbeitet haben? Was hat sie letztendlich zum Kauf bewogen? Diese Antworten sind dein Rohmaterial für überzeugende Voraussetzungen.

 

Praxisbeispiel

Sebastian ruft einen Hotelier an. Er weiß: 80% der Hotels in seiner Zielgruppe kämpfen mit Fachkräftemangel und langen Besetzungszeiten für offene Stellen. Statt zu fragen "Haben Sie Probleme bei der Personalgewinnung?" sagt er: "Wir helfen privat geführten Hotels in Süddeutschland dabei, Nachwuchskräfte zuverlässig zu finden — weil wir wissen, wie schwierig das momentan ist." Das ist keine Behauptung. Das ist fundierte Marktbeobachtung. Kein Glück — das ist Vorbereitung.

 

Schritt 2: Den richtigen Einstieg wählen — Erfragen oder Voraussetzen

Im Cold Call mit wenig Zeit: Voraussetzen. Im Discovery Call mit mehr Spielraum: Erfragen. Die Regel ist einfach: Je weniger Zeit und Beziehung, desto direkter musst du sein. Eine offene Frage zu Beginn eines Cold Calls riskiert, dass der Kunde abbricht, bevor das Gespräch Fahrt aufgenommen hat. Ein mutiges Statement schafft Relevanz — sofort.

 

Die Voraussetzung im Cold Call folgt einem einfachen Muster: Statement zum branchenüblichen Problem + kurze Pause + offene Frage nach der persönlichen Situation des Kunden. Damit öffnest du das Gespräch, ohne aufzuzwingen.

 

Praxisbeispiel

Gesprächseinstieg mit Voraussetzung im Software-Vertrieb: "Herr Weber, die meisten Vertriebsleiter im SaaS-Bereich, mit denen ich rede, verlieren im Schnitt drei bis sechs Monate pro neuen Vertriebler, bis er wirklich produktiv ist. Wie ist das bei Ihnen?" Der Kunde denkt nach. Die Frage sitzt. Und sie sitzt, weil sie spezifisch ist — nicht weil sie laut ist.

 

Schritt 3: Die Lücke konkretisieren und den Soll-Zustand sichtbar machen

Sobald du das Problem identifiziert oder vorausgesetzt hast, geht es darum, die Auswirkungen zu konkretisieren. Nicht: "Das ist ein Problem." Sondern: "Was kostet Sie das im Jahr?" Zahlen machen Schmerzen greifbar. Greifbare Schmerzen erzeugen Handlungsdruck. Erst durch die möglichen Auswirkungen des Mangels auf die Ist-Situation des Kunden kreierst du die Energie, die nötig ist, um den nächsten Schritt zu gehen.

 

Anschließend kommt der Soll-Zustand: Wie würde die Situation aussehen, wenn das Problem gelöst wäre? Was wäre möglich? Was würde sich für den Kunden — persönlich und unternehmerisch — verändern? Diese Vision ist der Magnet, der den Kunden in Bewegung setzt.

 

Praxisbeispiel

"Herr Weber, wenn das so ist — dann reden wir von gut 40.000 Euro entgangenem Umsatz pro Vertriebler und Jahr. Das sind bei einem fünfköpfigen Team 200.000 Euro. Jedes Jahr." Stille. Dann: "Ja, das stimmt leider." Jetzt hast du den Bedarf — ohne zu betteln. Jetzt kannst du die Vision aufbauen: "Stellen Sie sich vor, Ihre neuen Leute würden in drei statt sechs Monaten profitabel. Was würde das für Ihre Jahresumsatzziele bedeuten?"

 

FAQ::

  • F: Was tue ich, wenn der Kunde das vorausgesetzte Problem verneint?
  • A: Perfekt. Dann hast du eine wichtige Information. Frag nach: "Interessant — wie haben Sie das gelöst?" Oft steckt dahinter ein anderes, verwandtes Problem. Oder du lernst etwas über die Zielgruppe.

  • F: Wie formuliere ich eine Voraussetzung ohne arrogant zu wirken?
  • A: Beziehe dich auf andere Kunden oder Branchenbeobachtungen: "Viele unserer Kunden berichten uns..." oder "In der Branche sehen wir häufig..." Das macht dein Statement zur Marktbeobachtung — nicht zur Behauptung über den Kunden.

 

 

 

Häufige Fehler

 

Fehler 1: Zu viele offene Fragen hintereinander

Mehr als drei offene Fragen ohne Kontrollfrage dazwischen — das wirkt konstruiert. Der Kunde fühlt sich verhört, nicht beraten. Fragen müssen fließen, nicht hämmern. Mache dir im Vorfeld klar, welche Informationen wirklich entscheidend sind.

 

Fehler 2: Falsch vorausgesetzte Probleme

Du setzt ein Problem voraus, das gar nicht existiert. Der Kunde widerspricht. Du verlierst Glaubwürdigkeit. Die Lösung: Voraussetzungen nur auf Basis echter Branchenkenntnis — nicht auf Bauchgefühl. Sprich zuerst mit deinen besten Kunden, bevor du voraussetzt.

 

Fehler 3: Das Problem benennen, aber nicht konkretisieren

Du identifizierst das Problem, hörst auf. Kein Soll-Zustand, keine Lücke, kein Handlungsdruck. Das Gespräch plätschert dahin. Ein Problem ohne Konsequenz ist kein Bedarf — es ist eine uninteressante Feststellung.

 

FAQ::

  • F: Wie vermeide ich, dass meine Voraussetzung wie ein Skript klingt?
  • A: Formuliere sie jedes Mal leicht anders, basierend auf dem Gesprächspartner. Ein Produktionsleiter hört andere Zahlen als ein Vertriebsleiter — pass die Voraussetzung an die Person an.

 

 

 

Fazit & nächster Schritt

 

Du hast zwei mächtige Werkzeuge — Erfragen und Voraussetzen. Beide haben ihren Platz. Der Profi weiß, welches er wann zieht. Dein nächster Schritt: Schreib dir die drei häufigsten Probleme deiner Zielgruppe auf — und formuliere daraus je eine Voraussetzung und je eine offene Frage. Dann teste beide in den nächsten fünf Calls und entscheide auf Basis echter Gesprächsdaten.

 

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