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4 min read

Challenger Sale: Kunden herausfordern statt hofieren

Challenger Sale: Kunden herausfordern statt hofieren

Was, wenn der netteste Verkäufer der schlechteste ist?

 

Ich erinnere mich an eine Schulung, in der ein erfahrener Vertriebsleiter folgendes sagte: „Der Kunde mag dich — das ist alles, was zählt." Ich habe damals genickt. Heute weiß ich: Es ist einer der gefährlichsten Irrtümer im Vertrieb. Denn Mögen führt nicht automatisch zu Kaufen. Und im komplexen B2B-Vertrieb kaufen Kunden nicht vom nettesten Verkäufer — sie kaufen von dem, der ihnen am meisten beibringt.

 

Das ist die Kernthese des Challenger Sale — und sie verändert alles.

 

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Was der Challenger Sale wirklich sagt

 

Die Studie, die den Vertrieb auf den Kopf stellte

 

Im Jahr 2011 veröffentlichten Matthew Dixon und Brent Adamson das Buch „The Challenger Sale", das auf einer groß angelegten Studie des CEB (Corporate Executive Board) mit über 6.000 Vertriebsmitarbeitenden basiert. Die Forscher identifizierten fünf Verkäufertypen:

 

  1. The Hard Worker — fleißig, beharrlich, arbeitet nach Prozess
  2. The Relationship Builder — kundenorientiert, empathisch, konfliktscheu
  3. The Lone Wolf — eigenbrötlerisch, folgt eigenen Regeln
  4. The Reactive Problem Solver — reaktiv, löst Probleme zuverlässig
  5. The Challenger — provozierend, lehrend, kontrolliert die Interaktion

 

Das überraschende Ergebnis: In normalen Marktphasen performen alle Typen ähnlich. Aber in komplexen Deals und schwierigen Märkten schlägt der Challenger alle anderen — massiv. Und der Relationship Builder? Er landet am häufigsten auf dem letzten Platz.

 

Warum Relationship Selling nicht mehr reicht

 

Das bedeutet nicht, dass Beziehungen unwichtig sind. Aber Beziehung allein reicht nicht. Wer nur hofiert, wer nur nett ist, wer Konflikte vermeidet und dem Kunden nach dem Mund redet, gibt damit implizit auf, den Kunden zu führen. Und Führung ist im B2B-Vertrieb entscheidend — vor allem, wenn die Buying Group groß ist und der Status quo die mächtigste Konkurrenz darstellt.

 

Was den Challenger auszeichnet

 

Der Challenger:

  • Bringt dem Kunden etwas bei, das dieser noch nicht weiß
  • Schneidert die Botschaft auf den spezifischen Kontext des Kunden zu
  • Übernimmt die Kontrolle über das Gespräch — respektvoll, aber bestimmt
  • Scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten anzusprechen
  • Provoziert konstruktiv: Er destabilisiert den Ist-Zustand, um den Handlungsbedarf zu erzeugen

 

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Das Challenger-Framework: Teach, Tailor, Take Control

 

Teach — Dem Kunden etwas Neues beibringen

 

Der erste Schritt ist das Lehren. Aber nicht über dein Produkt — über das Business des Kunden. Du bringst einen Insight mit, den der Kunde noch nicht hat. Einen blinden Fleck. Eine unbekannte Kostenquelle. Einen Trend, der sein Geschäft beeinflusst.

 

Das nennt sich im Challenger-Modell der Commercial Insight: Eine kontroverse, datengestützte Beobachtung, die beim Kunden Aufmerksamkeit erzeugt — und die direkt zu deiner Lösung führt.

 

Praxisbeispiel: Commercial Insight

 

„Die meisten Unternehmen Ihrer Größe glauben, ihr Hauptproblem im Vertrieb sei die Leadgenerierung. Unsere Daten zeigen: 60 % der Deals gehen nicht in der Akquise verloren, sondern im Qualifizierungsprozess. Zu viel Zeit wird in die falschen Deals investiert. Haben Sie ein Gefühl dafür, wie das bei Ihnen aussieht?"

 

Dieser Einstieg überrascht. Er erzeugt Spannung. Und er führt direkt zur Lösung des Problems — wenn dein Produkt dabei hilft, besser zu qualifizieren.

 

Tailor — Die Botschaft auf den Entscheider zuschneiden

 

Derselbe Insight wirkt unterschiedlich, je nachdem, wen du vor dir hast. Ein CFO interessiert sich für Zahlen und Risiken. Ein COO für operative Effizienz. Ein Sales Director für Quota Attainment. Der Challenger passt seine Botschaft nicht an das Produkt an — sondern an den Menschen.

 

Das erfordert, dass du vorher weißt: Welche Prioritäten hat diese Person? Was hält sie nachts wach? Was misst sie an ihrem Erfolg?

 

Praxisbeispiel: Tailoring

 

Für den CFO: „Unsere Analyse zeigt, dass unqualifizierte Deals im Vertrieb im Schnitt 12 % der Vertriebsressourcen binden, ohne zur Pipeline beizutragen. Das sind bei Ihrem Team ca. 180.000 Euro Jahreskosten, die in reinen Overhead fließen."

>

Für den Sales Director: „Wenn Ihre Leute 20 % weniger Zeit in Deals ohne Abschlusspotenzial investieren, was würde das für Ihre Quota-Erreichung bedeuten?"

 

Take Control — Die Kontrolle übernehmen

 

Das ist der unkomfortabelste Teil — und der wichtigste. Der Challenger scheut sich nicht, das Gespräch zu führen, auch wenn der Kunde Widerstand signalisiert. Das bedeutet:

 

  • Preisdiskussionen umlenken: „Bevor wir über den Preis sprechen, möchte ich sicherstellen, dass wir dieselbe Ausgangslage vor Augen haben."
  • Zeitdruck ehrlich benennen: „Ich sage Ihnen direkt: Wenn wir bis Ende des Monats nicht entschieden haben, verschiebt sich die Implementierung ins nächste Quartal."
  • Falsche Annahmen des Kunden respektvoll korrigieren: „Das höre ich öfter — und ich möchte das kurz einordnen, weil die Zahlen ein anderes Bild zeichnen."

 

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Challenger vs. Relationship Seller: Der direkte Vergleich

 

Dimension Relationship Seller Challenger
Gesprächsführung Folgt dem Kunden Führt das Gespräch
Insight-Vermittlung Produktfokus Business-Insight des Kunden
Konflikte Vermeidet Reibung Nutzt konstruktive Spannung
Botschaft Universell Auf Entscheider zugehen
Preis-Diskussion Reagiert Lenkt um oder framed neu
Ergebnis (komplexe Deals) Durchschnittlich Signifikant überdurchschnittlich

 

 

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Wie du den Challenger Sale in deinen Alltag integrierst

 

Commercial Insights entwickeln

 

Fang damit an, einen echten Insight für deine Zielgruppe zu entwickeln. Er muss:

  • Überraschend sein (der Kunde weiß es noch nicht)
  • Datengestützt sein (nicht nur Meinung)
  • Unbequem sein (er zeigt ein Problem auf)
  • Zu deiner Lösung führen (aber nicht offensichtlich)

 

Entwickle zwei bis drei solcher Insights für typische Zielkundensegmente. Das ist Arbeit — aber es ist die beste Vorbereitung für jedes Verkaufsgespräch.

 

Konstruktive Spannung üben

 

Konstruktive Spannung bedeutet nicht, aggressiv zu sein. Es bedeutet, unbequeme Wahrheiten höflich, aber klar auszusprechen. Übe Formulierungen wie:

 

  • „Ich sage das mit Respekt — aber ich sehe das etwas anders als Sie."
  • „Das ist ein häufiges Missverständnis in Ihrer Branche. Darf ich kurz zeigen, was die Daten dazu sagen?"
  • „Was Sie beschreiben, kenne ich. Aber ich glaube, das eigentliche Problem liegt woanders."

 

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Die häufigsten Fehler beim Einsatz des Challenger Sale

 

Fehler: Challengers sind aggressiv

Konstruktive Spannung bedeutet Selbstsicherheit, nicht Arroganz. Ein Challenger provoziert intellektuell — er greift nicht persönlich an.

 

Fehler: Der Insight ist ein Produktpitch

„Wir können Ihnen helfen, effizienter zu werden" ist kein Insight. Ein Insight benennt ein spezifisches, unbekanntes Problem — ohne sofort die Lösung anzubieten.

 

Fehler: Challengers sind nur für Neugeschäft

Das Modell funktioniert auch im Account Management. Bestehende Kunden brauchen ebenfalls Impulse, die ihnen helfen, ihr Business weiterzuentwickeln.

 

Fehler: Take Control ohne Vertrauen

Die Kontrolle zu übernehmen funktioniert nur, wenn der Kunde dir Respekt entgegenbringt. Dieser Respekt entsteht durch den Insight — nicht durch Druck.

 

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FAQ

 

F: Ist der Challenger Sale mit Value Selling kompatibel?

A: Absolut. Der Commercial Insight ist der Eingang zur Value-Selling-Argumentation. Wer den Kunden mit einem Insight abholt, hat die perfekte Grundlage für eine Wertargumentation gelegt.

 

F: Was, wenn der Kunde auf den Insight gar nicht eingeht?

A: Dann war der Insight entweder nicht relevant genug oder du hast ihn zu direkt mit deiner Lösung verknüpft. Übe, den Insight als Frage zu formulieren: „Haben Sie das in Ihrem Unternehmen auch erlebt?"

 

F: Kann jeder den Challenger Sale erlernen?

A: Dixon und Adamson sagen: Ja, mit Training. Die meisten Vertriebsmitarbeitenden können Challenger-Verhaltensweisen entwickeln. Es erfordert Vorbereitung und Bereitschaft, aus der Komfortzone zu treten.

 

F: Gilt das auch im Telefonvertrieb?

A: Ja — der Challenger Sale ist besonders effektiv in der Kaltakquise, weil ein guter Commercial Insight sofort Aufmerksamkeit erzeugt. Die ersten 30 Sekunden im Cold Call entscheiden. Ein provozierender Insight ist ein perfekter Einstieg.

 

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Fazit: Die besten Verkäufer unterrichten ihre Kunden

 

Der Challenger Sale ist keine Technik für Einzelkämpfer. Er ist eine Denkweise: Ich bin verantwortlich dafür, dass mein Kunde besser entscheidet — auch wenn das unbequem ist. Wer das verinnerlicht, hört auf, Beziehungen zu pflegen, und fängt an, Erkenntnisse zu liefern.

 

Dein nächster Schritt: Entwickle einen Commercial Insight für dein wichtigstes Zielkundensegment. Was wissen deine Kunden noch nicht, das ihr Business betrifft — und das dazu führt, dass sie deine Lösung brauchen? Schreib diesen Insight in drei Sätzen auf. Dann teste ihn im nächsten Gespräch.

 

Weiterführende Artikel

 

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Quellen
  • Matthew Dixon, Brent Adamson: The Challenger Sale (CEB/Gartner, 2011)
  • Gartner: Challenger Selling Research
  • Harvard Business Review: Dismantling the Sales Machine

 



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